Die Geschichte vom "Kiepenkerl"

zusammengestellt von Heinrich Klockenbusch

„Kiepenkerle“ waren besonders im 16. bis 19. Jahrhundert im gesamten niederdeutschen Sprachgebiet (zwischen Sauerland und Hamburg und zwischen Riga und Rotterdam) unterwegs.  Sie wurden im Münsterländer Platt „Kiepker“, in den Niederlanden „Kiepkerel“ und später, nach dem Dreißigjährigen Krieg, auch „Tödden“ und im äußersten Norden des Gebietes „Kiepkeerl“ genannt.

Der Begriff „Kiepenkerl“ (Kerl = Mann) wird abgeleitet von „Kiepe“ – „Rückentage“. Der Name „Tödden“ wird unterschiedlich interpretiert. Das Wort „tödden“ bedeutet im Niederdeutschen „schwer bepackt daher ziehen“. In einer Anlehnung an das Flämische soll „Tödden“  „Tauschen oder Handeln“ bedeuten.

 

„Kiepenkerle“ und ein „Kiepenlisettken“:

 

Die „Kiepenkerle“ waren Kleinkrämer bzw. Wanderhändler die zu Fuß unterwegs waren. Sie waren in der Regel in kleinen Ortschaften und nicht in der Stadt beheimatet. Ihre Routen oder Handelswege führten Sie oftmals über kleine, unbefestigte Wege (niederdeutsch „Patt“) in sehr direkter Linie zu den Städten und Dörfern. So ging der Kaufhändler „Jann Dümpelkamp“ den Weg von Heessen nach Münster (etwa 48 km) regelmäßig (bei jedem Wetter) in etwa acht Stunden. Eine Kutsche brauchte für diese Strecke - je nach Wetterlage - anderthalb bis zwei Tage.

Die „Kieper“ - oder auch „Landlaipers“ genannt - brachten in der Regel einmal pro Woche Nahrungsmitteln wie Eier, Speck, Brot, Würste, Schinken, Honig, Milchprodukte, Geflügel, Federn, Wolle, Garne, Leinentücher, -rollen mit und ohne Blaudruck, teilweise auch Holz- und Eisenwaren usw. von ihren Heimatdörfern und einzelnstehenden Höfen der Heimatregion in die Städte. Im Gegenzug versorgte sie die Landbevölkerung z. B. mit Salz, Knöpfe, Geschmeide, Nadeln, Bestecke, Geschirr, Hosenträger, Gewürze und anderen Waren. Häufig fand hier Tauschhandel statt.

Das „Markenzeichen“ der Kiepenkerle war ihre immer gleiche Kleidung (Tracht). Dazu gehörte der blaue Leinenkittel (Langes, schweres Leinenhemd = vergleichbar mit Segeltuch), das rote Halstuch und die Schirmmütze. Das feste Schuhwerk bestand aus Holz- oder Lederschuhen. Dazu wurden bis zum Knie reichende Gamaschen aus festem Tuch oder Leder getragen. Sie sollten gegen Verletzungen, Schmutz, Kälte und Feuchtigkeit schützen. Weiterhin hatten die „Kiepenkerle“ einen Wanderstab bei sich, der in der Regel auch als Messinstrument zum Ablängen von Stoffen (etwa eine „Elle“) verwandt wurde. Die offen mitgeführte Tabakpfeife war weniger als Gegenstand zum Konsum von Genussmitteln gedacht. Sie diente vornehmlich der Abwehr von Insekten (Mücken) in den häufig vorkommenden sumpfigen Gebieten. 

Ein weiterer, namensgebender Gegenstand war die aus Holz und Korbgeflecht bestehende Rückentrage (Kiepe). Diese Kiepe hatte im unteren Bereich einen Käfig für lebendes Geflügel. Der obere Bereich war zum Schutz der Waren vor Verschmutzung (Garne, Leinen aber auch Käse  usw.) häufig mit Leinenstoffen ausgeschlagen. Geschlachtetes Geflügel, Schinken, Speck und Würste usw. wurden zum Schutz vor Ungeziefer (z. B. Fliegen) in Leinensäcke gesteckt und außen an der Kiepe befestigt. Auch Holz- und Eisenwaren wurden in der Regel zum Transport im Außenbereich der Rückentrage befestigt. Zum Transport von Obst und Eiern haben die „Kiepenkerle“ zusätzliche Tragekörbe aus Korbgeflecht mitgeführt. Das Gewicht der in und an der „Kiepe“ mitgeführten Waren konnte bis zu 35 kg. betragen.  Das auf dem Rücken zu tragende Gewicht (mit dem Eigengewicht der „Kiepe“) erreichte in der Regel etwa 45 bis 50 kg. Dazu kam das Gewicht der regelmäßig mitgeführten Körbe (je Korb bis 25 kg). Kiepenkerle mussten somit zwangsläufig recht kräftige Personen gewesen sein.

Zum Schutz gegen Regen und Schnee wurden über die „Kiepe“ mit schwerem gewachstes Leinen oder Tierfelle bespannt.  Es wurden auch schwere gewachste Leinentücher wie ein „Poncho“ übergeworfen, um sich und den Inhalt der Kiepe vor der Nässe zu schätzen. Durch das sog. „Wachsen“ wurde der Leinenstoff nahezu doppelt so schwer.

Unter den umherziehenden Händlern waren keineswegs nur Männer. So ist zumindest die Existenz des sog. „Kiepenlisettken“ aus Schalksmühle verbrieft, die mit ihrer „Käse-Kiepe“ unterwegs war.

Die umherziehenden Händler („Kiepenkerle“) waren überall sehr gern gesehene Leute, weil sie – in Zeiten ohne Post, Telefon, eMail, WhatsApp und Co. – auch die Neuigkeiten aus Stadt und Land mitbrachten. Das Interesse an „Klatsch“ und „Tratsch“ war damals wie heute riesengroß (Anmerkung: Erst 1847 wurde in dem Gebäude Dolberger Straße / Heessener Dorfstraße die erste Poststation in Heessen errichtet).

Bei Gelegenheit trat der Kiepenkerl auch als sog. „Brautwerber“ auf. Bei Erfolg seines Werbens gab es als Lohn einen neuen Hut oder sonstige Kleidung.

Viele „Kiepenkerle“ verdienten sich auch als „Musiker“ etwas dazu.

Die Kiepenkerle sorgten als Wanderhändler für einen spürbaren Auftrieb in ihrer Heimatregion. Sie waren in der Regel etwas besser gestellt als die Restbevölkerung und besaßen häufig auch entsprechende einfache Baulichkeiten in ihrem Heimatorten.  

Die Kiepenkerle erweiterten im 18. und 19. Jahrhundert das Verkaufsgebiet in erheblicher Weise. Zeitweise gingen in dem Zusammenhang die Anbindungen an die Heimatregion verloren. Auch im 20. Jahrhundert (in ländlichen Regionen bis etwa 1975) gab es Handlungsreisende, die in Art der „Kiepenkerltradition“ (regelmäßig ohne Tracht) sog. „Haustürhandel“ bzw. ein „Wandergewerbe“ betrieben.

 

„Töddenhandel“

Im Niederdeutschen Raum galt bis ins 20. Jahrhundert das Erbrecht des ältesten Sohnes auf die gesamte Hofstelle. Dadurch waren nachgeborene Bauernsöhne gezwungen, sich in der Landwirtschaft oder als Torfstecher zu verdingen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg ergab sich daraus, dass sich diese und andere „Heuerlinge“ durch den Verkauf (Tauschhandel) überzähliger Leinenrollen ein Zubrot verdienten. Im Besonderen die Niederländer benötigten das feste, schwere Leinengewebe für die Herstellung von Segeln für ihre Schiffe und für Wetterkleidung.

„Mien Feld is de Welt buten und binnen wagen und winnen“ („Die ganze Welt ist mein Handelsplatz – um Erfolg zu haben, muss man den Mut aufbringen, etwas zu unternehmen). Mit diesem Leitsatz als Motivation, entwickelte sich ein lebhafter Handel mit Garnen und Tuchwaren. Diese Entwicklung stand in unmittelbarem Zusammenhang mit der Freihandelspolitik der Niederlande und der Nutzung der vorhandenen Fernstraßen. Es entstand das sog. „Töddensystem“ mit sog. „Töddenhäusern“ in den größeren Städten und festgeschriebenen Absatzgebieten für jeden „Tödden“. Damit verfügten die einzelnen „Tödden“ über einen festen Kundenstamm. Das beachtliche Handelsvolumen brachte diesen Städten einen gewissen Wohlstand. Ob die „Tödden“ mit einer Kiepe auf den Handelswegen liefen, oder mit Hand-, Ochsen- oder Pferdewagen ihre Transporte durchführten, ist nicht wissenschaftlich erwiesen. Der in den Büchern  einiger „Töddenhäuser“ verzeichnete erhebliche Warenumsatz lässt allerdings auf Transporte mit großen Wagen schließen.

Die „Tödden“ waren eine geschlossene Gesellschaft. Die männlichen Mitglieder verwendeten sogar eine eigene Sprache – das „Bargunsch“ oder „Humpisch“, die es der Obrigkeit schwer machte, mit dieser fahrenden Händlergruppe zurecht zu kommen.

Mit dem Ende der Kontinentalsperre (1818) veränderte sich die Wirtschaftslage im Absatzraum des „Töddentums“ erheblich. Die Hersteller (Manufakturen und Fabriken) übernahmen  auch das Sammeln und den Transport der Tuchwaren. Die Niederlassungen der „Tödden“ schrumpften daraufhin sehr schnell. Mit dem Aufkommen der Bahn als Transportmittel verstärkte sich dieser Trend.

1847 wurde aus einer Stiftung der „Tödden“ in der Ortschaft Schapen die erste Handelsschule gegründet. Dies wird als Geburtsstunde der „Handelsbetriebslehre“ und des modernen „Warenhandels“ bezeichnet.

Einige „Tödden“ konnten sich mit Produktspezialisierungen und einem Vertriebssystem mit Großhändlern und Verkäufern vor Ort behaupten. Durch eine entsprechende Heiratspolitik entwickelten sich zudem wirtschaftliche Verbindungen zwischen Herkunfts- und Absatzgebiet, die  letzlich in Gründung großer, auch in der heutigen Zeit gut bekannter Waren- bzw. Handelshäuser (z. B. C. & A. Brenningmeyer, Hettlage; Peek & Kloppenburg) mündete.

Die Kleidung der „Tödden“

„Tödden“ konnte die Bevölkerung ebenfalls an der regelmäßig gleichen Kleidung erkennen. Sie trugen einen langen Mantel und einen Zylinder auf dem Kopf.

„Pötter“, „Seisse-, Naal-, Kiede-, Kiedelmaker“

Am Wanderhandel waren nicht nur „Kiepenkerlen“ und „Tödden“ beteiligt. Auch die sog. „Pötter“ (Tonwarenhändler) häufig im Westmünsterland beheimatet und die „Seisse-, Naal-, Kiede-, Kiedelmaker“ (Sensenmacher, Nagel-, Ketten-, und Kesselschmiede) aus dem Sauerland versuchten - ihre vornehmlich im Nebenerwerb erstellten Waren - als wandernde Händler abzusetzen.

Der frühe Kampf um die Absatzmärkte der Wanderhändler

Im Besonderen die „Tödden“ waren nicht überall gerne gesehen. Es kam zu teilweise erheblichen Auseinandersetzungen mit den „Kiepenkerlen“, den „Pöttern“,  „Seisse-, Naal-, Kiede-, Kiedelmaker“ und nachfolgend auch mit den örtlichen Kaufmanngilden. Die erfolgreichen „Tödden“ wurden als unwillkommene, unmittelbare Konkurrenz wahrgenommen. Diese sich zuspitzende Situation zwang Preußen zur Regulierung durch ordnungs- und gewerbepolitische Regelungen. Der erlassene Maßnahmenkatalog gegen die „Tödden“ sahen in dem Zusammenhang sogar ein Hausierverbot und die Konfiszierung der Waren vor.

 

Jann Dümmelkamp ein Kiepenkerl von Heessen und der erster stationäre Laden

Heinrich Klockenbusch

Jann Dümmelkamp (zeitweise auch Dümpelkamp genannt) war etwa 1780 der wandernde Kaufhändler des Kirchspiels Heessen. Er wird als gutmütiger, humorvoller, kräftiger Mann beschrieben, der vor allen Dingen wegen seiner Klugheit, Schlagfertigkeit und der alkoholbedingten Umtriebe im Münsterland sehr bekannt war. Eine besondere Rolle spielte dabei das Minoritenkloster, das an der Nordseite der heutigen Apostelkirche angebaut war (1804 im Zuge der „Säkularisierung“ an Preußen gefallen, 1811 Kosterauflösung durch Napoleon, abgebrochen 1858). Dort hat er regelmäßig übernachtet.

Viele lustige Erzählungen („Döhneken“) und Gedichte in hoch- und plattdeutscher Sprache erzählen von seinem Leben regelmäßig in glorifizierter Form (z. B. Augutin Wibbelt usw.).  Auch nach wissenschaftlichen Erkenntnissen dürften der Lebensweg der „Kiepenkerle“ und ihrer Familien in der Hauptsache durch erhebliche Entbehrungen, großen Kraftanstrengungen und Armut gekennzeichnet gewesen sein.

Als 1787 die Schule aus dem sog. „Schulspeicher“ an der Heessener Dorfstraße in das daneben erbaute neue Schulhaus umzog, übernahm dieser in Heessen beheimatete „Kiepenkerl“ das Gebäude und richtete dort ein Lager mit Verkaufsstelle ein. Gleichzeitig war das Gebäude auch Wohnstatt für sich und seine Familie. Der ehemalige Schulspeicher wurde dadurch zur ersten stationären Verkaufsstelle in der Gemeinde Heessen.

Seinem Bekanntheitsgrad wurden am 30.10.1895 durch den „Verschönerungsverein Münster“ mit dem Auftrag zu einem Kiepenkerl-Standbild an den Künstler August Schmiemann (1845 – 1927) Rechnungen getragen. Modell gestanden haben soll der Kiepenkerl Franz Wenninghoff aus Bevergern im Teklenburger Land. Er wurde auch „Anten-Franz“ genannt, weil er Enten in einer Vogelkoje fing und verkaufte. Das Denkmal wurde 1896 am  „Spiekerhof“ (heute Restaurant „Großer Kiepenkerl“) auf einen Sockel gestellt.

1945 ist die Skulptur durch einen amerikanischen Panzer bewusst zerstört worden, weil das Standbild im sog. „Dritten Reich“ zu NS-Propaganda-Zwecken genutzt worden war. Eine Nachbildung des Denkmals erstellte der Künstler Albert Mazzotti (1921-2008) Diese wurde an gleicher Stelle errichtet und am 20.09.1953 durch den ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland,  Theodor Heuss, anlässlich des „20. Deutschen Bauerntages“ der Öffentlichkeit übergeben.

In Heessen, auf dem alten Dorfplatz in der Nähe der St. Stephanus Kirche, vor dem ehemaligen „Schulspeicher“ und später „ersten Laden“, errichtete 1998 der Sendenhorster Bildhauer Bernhard Kleinhans im Auftrag des Heimatverein Heessen e. V. eine Kiepenkerl-Skulptur aus Bronze.

Quellenhinweise:

- Heessen (Westf.), die Geschichte der Gemeinde, Emil Steinkühler, 1952

- Heessen, H.-H. Buchhorn, H. Siebert, E. Steinkühler, Weidlich Verlag, 1975

- Flyer „1000 Jahre Heessen und mehr …“ Heimatverein Heessen e. V. 1975

- Kleiner Führer durch Heessen, Prof. Dr. Gernert, Heimatverein Heessen e. V. 1984

- Hamm-Heessen, Tor zum Münsterland, W. Gernert, Artcolor Verlag, 1989

„Wi staoht fast! Kiepenkerle in Westfalen“ Uli Backmann, Haltern 

„Jann Dümpelkamp – Kiepenkerl von Heessen – Ein münsterländer Original, Bernhard Droste, CDU-Ortsverband-Heessen 1979

„Der Kiepenkerl von Heessen und andere Kiepenkerle in Westfalen“, Prof. Dr. Gernert, Heimatverein Heessen e. V. 1998 „Ludgerusblatt“ 4/1894, Heft 32

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