Die Heessener Post

Rita Kreienfeld

1923 erhält Heessen ein Postamt. Bis dahin gab es seit preußischer Zeit an unterschiedlichen Stellen der Gemeinde Postsammelstellen, heute würde man sagen Briefkästen, deren Post durch Fußbotenpost nach Hamm gebracht wurden. Eine richtige Poststelle hat es in Heessen zunächst nicht gegeben. Auch die Thurn- und Taxische Reitpost des Bistums Münster von Münster nach Hamm ritt im 18. Jahrhundert an Heessen vorbei. Dieser kleine Ort im Schatten und für die Bedürfnisse der Herren auf Schloss Heessen entstanden, war vollkommen unwichtig.

Die Postkutsche verkehrte im 19. Jahrhundert von Wiedenbrück kommend über Beckum und Dolberg nach Hamm. Dabei nahm die Postkutsche den Weg über die Lippe an der Haarener Brücke und fuhr über die Lippestraße nach Hamm. Heessen hatte keine anständigen Straßen. Die Straße in Richtung Dolberg war ein Bauernschaftsweg, der direkt am Schloss Heessen vorbei den heutigen Schlossmühlenweg entlang führte. Erst 1845 wurde die Dolberger Straße in ihrer Trassenführung so ausgebaut wie wir sie heute kennen und selbst da bedurfte es eines Machtwortes aus der königlichen Kanzlei in Berlin, weil man nämlich wieder die an der Lippe südlich verlaufende Streckenführung bevorzugte.

Im November 1820 wurde eine Ahlener Postkutsche im Heessener Busch überfallen. Der Postillion wurde erschossen und die wertvolle Ladung geraubt. Das heißt aber immer noch nicht, dass diese Postkutsche in Heessen auch regelmäßig gehalten hat.

Zwischen 1889 und 1919 wurde zwischen Dolberg und Heessen eine private Landpostfahrt eingerichtet, die von dem Fuhrunternehmer Funke aus Heessen betrieben wurde, der zu Recht eine große Konkurrenz durch die Bahn fürchten musste.

Als die Köln-Mindener Eisenbahn im Jahre 1844 über Heessener Gebiet gebaut wurde, war jedoch in Heessen keine Haltestelle, geschweige denn ein Bahnhof vorgesehen. Erst im Jahre 1891 wurde aufgrund der Intervention des preußischen Staatsministers Albert Maybach, einem gebürtigen Heessener, ein Bahnhof eingerichtet und damit Heessen an die große weite Welt angeschlossen.

Der Postkutschenstein an der Westfalenschänke suggeriert, dass Heessen eine wichtige Postkutschenstation war. Die Jahreszahl „bis 1848“ lässt den normalen Besucher vermuten, hier habe es seit dem 17. oder 18. Jahrhundert eine bedeutende Station gegeben.  Dabei war diese preußische Briefsammelstelle gerade mal drei Jahre in der Gaststätte Krieter in Betrieb, von 1847 bis 1850. Von da an gab es verschiedene Postsammelstellen in Heessen, die dem Postamt Hamm unterstellt waren, bis Heessen im Jahre 1923 ein eigenes Postamt bekam.

Zugunglück in Heessen 1929

Rita Kreienfeld

Eine der bedeutendsten Eisenbahnstrecken Deutschlands war von Beginn an, nämlich seit dem Jahre 1847 die Köln – Mindener Strecke, die nach Hannover und von da schon seit 1844 bis nach Berlin führte. Diese Strecke verband die preußischen Rheinlande mit Berlin, das Ruhrgebiet mit dem damaligen Mittel- und Ostdeutschland, der Warschau-Paris-Express hält in Hamm, der Zug von Köln nach St. Petersburg ebenfalls. Die Strecke hat seit dem Fall des Eisernen Vorhangs wieder enorme Bedeutung erlangt, saust doch der Intercity – Express zwischen Köln/Bonn und Berlin stündlich  hier entlang, mit Halt in Hamm, wo alle zwei Stunden der Zug aus Düsseldorf mit dem Zug aus Köln gekoppelt wird und gemeinsam auf die Reise nach Berlin geschickt wird, umgekehrt werden die Züge in Hamm getrennt, der eine durchs Ruhrgebiet nach Düsseldorf geschickt, der andere fährt über Wuppertal nach Köln. Das gab es sogar schon in den 1930er Jahren, als die legendären „fliegenden Züge“, die Schnelltriebwagen der Deutschen Reichsbahn, von Köln über Hagen-Wuppertal bzw. Essen-Dortmund ab Hamm als Doppelzug nach Berlin fuhren. Die Bedeutung des Hammer Bahnhofs für den Reiseverkehr wie für den Güterverkehr ergibt sich aus seiner wichtigen Lage auf der Ost-West-Achse von selbst.

Auch die Heessener profitierten von der Eisenbahnstrecke, denn die Gründer der Schachtanlage Sachsen legten die Steinkohlenzeche nicht zuletzt wegen der günstigen Nähe zur Hauptstrecke in Richtung Mitteldeutschland an, lagen doch die Kupferbetriebe der Zechenbesitzer in Sachsen-Anhalt, wo die Kokskohle aus Heessen anfangs dringend benötigt wurde. Wurden also die Industrieerzeugnisse des Ruhrgebietes in Richtung Osten geschickt, so kamen die landwirtschaftlichen Erzeugnisse aus Brandenburg oder Ostpreußen per Bahn in den Westen. So war es auch am Sonntag, dem 20. März 1929, als ein Güterzug mit Rindern und Pferden aus Ostpreußen kurz hinter der Bahnstation Heessen, gegenüber der Zeche Sachsen am Einfahrsignal des Vorbahnhofs zum Stehen gebracht wird. Der Zug soll auf ein Nebengleis fahren, weil der D – Zug Berlin – Hamm, der um 23.33 Uhr in Hamm planmäßig eintreffen soll, auf der Strecke unterwegs ist. Es ist sehr neblig, der Lokführer des Güterzugs fährt auf das Nebengleis, sieht aber das Haltesignal an der Ausfahrt des Nebengleises nicht und fährt wieder auf das Hauptgleis, wo er stehen bleibt. Auch der Stellwerksmeister des Stellwerks Heo (Heessen-Ost) sieht wegen des dichten Nebels den stehenden Güterzug auf dem Hauptgleis nicht und gibt dem D – Zug die Fahrt frei. Der Zugführer des Güterzugs erkennt im letzten Moment die drohende Gefahr, springt ab und gibt Lichtzeichen. Der Lokomotivführer reagiert blitzschnell und bremst. Doch der Aufprall lässt sich nicht vermeiden, denn der Zug ist mit 90 km/h unterwegs, die Lokomotive bohrt sich in den letzten Waggon, die anderen Waggons werden ineinander geschoben und kippen teilweise um. Das schwer verletzte Vieh brüllt vor Schmerzen, die Tiere sind teilweise unter den umgestürzten Waggons eingeklemmt, viele Kühe rennen wie wild auf den Gleisen herum. In kürzester Zeit, innerhalb von 20 Minuten, erreichen die freiwillige Feuerwehr aus Heessen und die Sanitätskolonnen (Rotes Kreuz) aus Heessen und Hamm die Unglücksstelle. Ein Polizist erschießt 12 Pferde, die, eingeklemmt, zahlreiche Knochenbrüche hatten. Viele Rinder müssen durch herbeigeeilte Metzger notgeschlachtet werden. Insgesamt sind 67 Stück Rindvieh und 23 Pferde bei diesem Unglück verendet. Den vier Viehhändlern aus Litauen, die den Transport begleiteten, ist nichts passiert, auch die Fahrgäste im D – Zug kommen mit dem Schrecken und kleineren Blessuren, wie Prellungen und Hautabschürfungen, davon. Dr. Thelen aus Heessen und Dr. Löwenstein aus Hamm-Norden leisten erste Hilfe. Im Schein von Pechfackeln beginnt man mit den Aufräumungsarbeiten; aus Hamm kommt ein Hilfszug heran, der unversehrt gebliebene Teil des Güterzuges fährt nach Hamm, die Personen aus dem D - Zug werden zurück nach Ahlen befördert und können von dort aus ihre Reise fortsetzen. Die Aufräumarbeiten dauern den ganzen Montag an, denn die Gleise sind aufgerissen, die Lokomotive steht zwischen den Gleisen, der Tender ist abgerissen, der Gepäckwagen umgekippt, acht Güterwaggons liegen vollständig demoliert am Bahndamm. Als die Heessener im Laufe des Tages die Unglücksstelle besichtigen, ist ein großer Teil der Arbeiten bereits getan. Josef Donner radelt zusammen mit seinen Freunden heran und bestaunt die angerichteten Verwüstungen. Es stinkt, denn noch immer sind nicht alle Kadaver entfernt worden. Die Polizei hält die vielen Schaulustigen von der Unfallstelle fern, doch Josef Donner  fotografiert den Unglückszug, die Schaulustigen und die Gleisarbeiter, die unter Hochdruck die Gleise reparieren. Erst am folgenden Tag kann der Zugverkehr wieder planmäßig über Heessen nach Hamm rollen.

Trachten in Heessen

Rita Kreienfeld

Bekannt und beliebt auch über Heessen hinaus sind die Mitglieder des Heimatvereins Heessen, wenn sie mit ihren schönen münsterländischen Trachten bedeutsame Ereignisse im Gemeindeleben wie zum Beispiel den Schnadegang schmücken. Mancher mag sich dabei fragen, was es mit diesen Trachten eigentlich auf sich hat. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gab es den Unterschied zwischen Alltags- und Sonntagskleidung. Die Sonntagskleidung wurde gewöhnlich nur an Sonn- und Festtagen getragen und blieb über Jahre fester Bestandteil der Garderobe. In den Zeiten, als die Mode noch nicht so sehr die Kleidung diktierte, wurden Kleidungsstücke nicht ohne weiteres weggeworfen, sie wurden aufgetragen oder, wenn sie nicht mehr passten, weitergegeben. Das galt erst recht für die Kleidung des 19. Jahrhunderts. Die Arbeitskleidung der Bäuerinnen und Bauern war vor allen Dingen durch ihre große Zweckmäßigkeit geprägt. Noch in den 1950er Jahren trugen die Bäuerinnen bei der Arbeit dunkelblau gemusterte Kleider und Schürzen. Ein Schlapphut, der Nacken und Gesicht vor der Sonne schützte, bedeckte den Kopf. Der Bauer trug bis weit ins 19. Jahrhundert den aus Süddeutschland stammenden blauen Leinenkittel. An Sonntagen jedoch und an Feiertagen wurde das beste Gewand hervorgeholt. Im Münsterland und eben auch in Heessen trugen die Frauen meistens rote weite Röcke mit einem Mieder und dazu gehörendem Brusttuch. Die Schürze gehörte in jedem Fall dazu. Besonders bemerkenswert war der Kopfschmuck, die mit Bändern reich besetzte Haube. Die sehr praktischen und bequemen Holzschuhe wurden nicht nur alltags sondern auch zur Festtagskleidung getragen, weil sie bei den ungepflasterten Wegen unverzichtbar waren. Die Männer kamen mit Gehrock und gestreiften Hosen recht städtisch daher, wie überhaupt auch die Tracht der Mode unterworfen war und sich änderte, je nachdem was in der Stadt gerade modern geworden war. Dabei änderten die Schneiderinnen im Dorf die Kleidungsstücke wie sie ihnen gefielen. Also gab es durchaus keine für alle einheitliche Tracht im Münsterland, sondern je nach den verschiedenen Landstrichen und sogar den verschiedenen Dörfern konnte sich die Tracht ganz erheblich unterscheiden. Den blauen Kittel für die Männer zum Beispiel gab es nur im südlichen Münsterland, auch in Heessen. Drei Münsterländer Frauentrachten, wie sie möglicherweise in Heessen getragen worden sind, wurden für den Heimatverein Heessen nachgearbeitet. Besonders die Herstellung der Hauben ist sehr aufwendig. Leider gab es keine überlieferten alten Kleidungsstücke als Vorlage. Das ist deswegen verständlich, weil sie immer so lange aufgetragen wurden, bis sie verschlissen waren und nicht mehr benutzt werden konnten. Und da  schon um 1800 herum die Männer und Frauen die alten Trachten vernachlässigten, hat sich kein Kleidungsstück erhalten. Nur eine Haube vom Hof Hardinghaus in Heessen hat die Zeiten überdauert und kann in der Ausstellung in der St.-Barbara-Klinik besichtigt werden.

Die Fährstraßenbrücke

Rita Kreienfeld

Das „Blaue Wunder“ von Brücke, die Kanal und Lippe überspannt und Hamm und Heessen miteinander verbindet, ist zwar nicht mit der gleichnamigen Brücke über die Elbe in Dresden zu vergleichen, aber sie ist uns ans Herz gewachsen mit all den Geschichten, politischen Rankünen, ideologischem Streit. Was waren das noch für Zeiten, als es die Brücke gar nicht gab! Geruhsam und bedächtig erscheinen uns Nachgeborenen die Jahre um die Jahrhundertwende.

Als die Stadt Hamm noch gar nicht existierte, Friedrich von Isenberg den Mord noch nicht plante, Adolf von der Mark seinen begehrlichen Blick noch nicht auf „tom Hamme“ und den nördlichen Brückenkopf richtete, gab es zu dieser Zeit, also vor dem Jahr 1226, in Heessen schon Straßenverkehr. Seitdem die Menschen Handel trieben, führte eine Straße von Soest aus über die Lippe in Richtung Münster. So kam beispielsweise das lebenswichtige Salz aus Werl in die Bischofsstadt Münster. Außerdem besaßen die Fürstbischöfe von Münster Grundbesitz in Rhynern, den sie ebenfalls über diese Straße erreichten. Die Brücke über die Lippe wurde von den Grafen von der Mark auf der südlichen Seite mittels einer befestigten Burg bewacht, auf der nördlichen Seite bot die Burg Heessen den Handelsreisenden und den Pilgern Schutz vor Überfällen. Selbst die Aussätzigen in ihren Leprastationen wussten von der Wichtigkeit der Straße, ihre Häuser lagen genau dort, wo viele Menschen vorbeikamen, in Heessen am Roten Läppchen, in Ostwennemar am Sandknapp. Die frommen Menschen des Münsterlandes wanderten auf ihrer Pilgerfahrt nach Köln oder Aachen  diese Straße entlang, Heerführer führten ihre Soldaten an dieser Stelle über die Lippe. Die Herrenstraße in Heessen, die eigentlich Heeresstraße heißt, erinnert bis heute daran. Seit wann eine Brücke als Übergang über die Lippe die  flache Furt komfortabel ergänzte, ist nicht überliefert.

Wahrscheinlich erbauten unsere Vorfahren die Brücke genauso wie die alte Niederwerrieser Brücke mit dicken Eichenstämmen, die in den Fluss getrieben wurden und so das Fundament der Brücke bildeten. Mit dieser Technik waren die Fachleute des Mittelalters und der frühen Neuzeit durchaus vertraut, steht doch nicht nur die Schlossmühle auf Eichenstämmen, sondern auch das ganze Schloss Heessen. Die Brücke hatte sogar einen Namen, sie hieß Bosmarbrücke nach dem Flurstück an der Lippe.

Aus den Renteiaufzeichnungen des Schlosses Heessen geht hervor, dass es in den Jahren um 1800 sehr strenge Winter gab. Im November 1798 brachten heftige Stürme die Pforte auf der Brücke zwischen Mühlenkamp und Bosmar zum Einsturz. An der Schleuse in Heessen habe „das Eis gleich einem hohen Felsen gestanden, die ältesten Leute haben einen solchen Anblick nicht erlebt“. Im Jahre 1799 hatte man wieder enorme Probleme mit dem Eistreiben auf der Lippe. Diesmal wurde die Brücke endgültig eingerissen. Da die Menschen andere Sorgen hatten, wurde die Brücke nicht wieder errichtet. Die Verkehrsverbindung über die Soester Straße und die Bosmarbrücke durch das Heessener Dorf und auf dem so genannten Knufweg in Richtung Münster war seit dem Ausbau der Münsterstraße in Hamm nicht mehr wichtig. Und als zwischen 1810 und 1820 die Lippe schiffbar gemacht wurde, da wäre die alte Brücke nur im Wege gewesen. Aber die Heessener richteten eine Fähre ein, die die Menschen von Hamm nach Heessen brachte und zurück. Nachdem der Hammer Stadtförster Droste, der die Fähre bedient hatte, aufhörte, übernahm Wilhelm Bauhaus, zuvor Gärtner auf Schloss Heessen, den Betrieb. Der letzte Fährmann Heessens ist älteren Bürgern Hamms noch ein Begriff, mussten doch die Kinder, die von Heessen aus ein Hammer Gymnasium besuchen wollten, täglich die Fähre benutzen, erreichten die Sonntagsspaziergänger des Hammer Ostens den Heessener Wald nur mittels der Fähre. Besonders, wenn die Kirmesleute ihre Geschäfte im Schatten der St. Stephanuskirche aufgestellt hatten, gab es für den Fährmann reichlich zu tun. Bei solchen Ereignissen wurde sogar eigens aus mehreren Booten eine Art Pontonbrücke eingerichtet. Wilhelm Bauhaus nahm pro Person 2 Pfennig, 5 Pfennig für Radfahrer und 10 Pfennig für ein Pferdefuhrwerk. Er soll einmal, als Kirmes in Heessen war, 1200 Mark eingenommen haben.

Der Verkehr nahm noch zu, als Heessen im Jahre 1891 einen Bahnhof erhielt. Nun machte die Gemeinde Heessen der Stadt Hamm den Vorschlag, eine richtige Straße zu bauen, aber Hamm lehnte ab. So legte schließlich der Herr auf Schloss Heessen, Freiherr von Boeselager, im Jahre 1913 auf eigene Kosten eine befestigte Straße anstelle des alten, am Schloss vorbeiführenden Fährwegs an. Erst 1927 wurde der Fährweg für Fußgänger und Radfahrer wieder hergerichtet.

Im Jahre 1912 wurde der neue Lippeseitenkanal auf Heessener Gebiet fertig gestellt. Zwei Brücken überspannten nun Kanal und Lippe und sorgten seitdem für eine schnelle Verbindung zwischen Heessen und Hamm. Nun wurde Wilhelm Bauhaus arbeitslos und die alten geruhsamen Zeiten waren ein für allemal vorbei. Seitdem lärmt der Autoverkehr durch die Lippeaue.

Ostern 1945, als die Amerikaner von Norden her aus Heessen in Richtung Hamm vorstießen, wurden die Lippebrücken von den abrückenden Deutschen gesprengt, die Fährstraßenbrücke und die Münsterstraßenbrücke. Nachdem eine behelfsmäßige Pontonbrücke mit finanzieller Hilfe und mit großer Materiallieferung der Zeche Sachsen gebaut worden war, wurde die Brücke 1950 wieder errichtet. Sie war allerdings nur einspurig zu befahren und für Lastwagen nicht geeignet. Dass dieses Flickwerk von Brücke das Jahr 2000 erleben würde, das hätten seine Erbauer sicher nicht gedacht. Seit 1957 Jahren gab es Bestrebungen, aus dem Provisorium ein richtiges Brückenbauwerk auszuführen. 1976 war man dann soweit, eine große Straße über einen hochwassergeschützten Damm durch die Lippewiesen zu führen und eine gigantische 23,50 m breite Brücke zu bauen, die auch vom Schwerlastverkehr befahren werden könnte. Aber alle Pläne scheiterten an der Sturheit des Freiherrn von Boeselager und einer Bürgerinitiative, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die wertvolle Lippeniederung und den Kurpark zu schützen. Heute kann man nur sagen, dass es ein Glück war, dass sich letztlich die Naturschützer und der Baron durchsetzten, die in der Landschaft mehr sahen als „die paar sauren Wiesen“, wie sich der damalige Oberbürgermeister Werner Figgen bei einer Bürgerversammlung ausdrückte. Man stelle sich vor, die Stadtplaner hätten die Vogelstraße tatsächlich zwischen Schloss Heessen und Schlossmühle durch die Lippeaue weitergebaut, eine Katastrophe wäre das nicht nur für ein wertvolles Naherholungsgebiet gewesen, sondern auch eine historisch gewachsene Landschaft, die wir unsere Heimat nennen, wäre verloren gewesen.

Das „Rote Läppchen“

Rita Kreienfeld

Ein verwunschener Ort, von Birken fast ganz zugewachsen, eingeschmissene Fensterscheiben, Unkraut überwuchert, so präsentiert sich das „Rote Läppchen“ dem Besucher, der rein zufällig hinter all den alten Bäumen die Annenkapelle und das dazugehörige, unter Denkmalschutz stehende Gebäude entdeckt. Hier soll also das Hospiz entstehen, ein Ort zum Sterben in einer würdevollen Umgebung. Ist es denn nicht schade, dass der Bürger hier keine Schinkenschnittchen mehr essen kann und den leckeren Heringsstipp, der vom Wirt mit haarsträubenden Geschichten gratis dazu serviert wurde? Ja, das Rote Läppchen war über 200 Jahre Gasthaus, zunächst Schmiede für die Fuhrleute an dieser schon immer viel befahrenen Straße. Und während der Schmied die Pferde beschlug oder die Radreifen reparierte, wurde den Fuhrleuten ein kühles Bier serviert, das waren die Anfänge des Gasthauses. Davor war es Armenhaus der Gemeinde Heessen und davor war es das Melatenhaus, das Kinderhaus, die Leprastation, in der die „armen Kinder Gottes“, die Leprakranken, wohnen, beten und arbeiten mussten. 

Die Lepra gehört zu den Krankheiten, die wohl schon seit der Römerzeit in Europa vorgekommen ist. Sie ist eine bakterielle Krankheit, die Nerven befällt und lähmt. Es kommt zu den typischen Krallenhänden und -füßen. Die Stellen, die befallen sind, werden gefühllos, die Menschen spüren nicht mehr, wenn sie sich verletzten. Dadurch kommt es zu Wunden, die sich entzünden können. Die Knochen können auch befallen werden, es kommt zu Deformationen. Die schrecklichen, schwärenden Wunden, die abgefaulten Gliedmaßen, die entstellten Gesichter, sind das, was uns beim Krankheitsbild Lepra einfällt.

Die Krankheit an sich ist nicht besonders ansteckend, anders als zum Beispiel die Pest, die derartig ansteckend war, dass sie innerhalb kürzester Zeit ganze Landstriche entvölkerte. Wenn man sehr lange mit einem an Lepra erkrankten Menschen zusammengelebt hat, kann man die Krankheit auch bekommen. Die Krankheit wird begünstigt durch unhygienische Bedingungen und mangelhafte Ernährung. Sie verläuft nicht tödlich, die Menschen sterben an anderen Krankheiten, infolge der Schwächung des Immunsystems.

Während des ganzen Mittelalters wurden in Europa an Lepra erkrankte Menschen aus der Gesellschaft ausgesondert, ausgesetzt, daher heißt die Krankheit auch  „Aussatz“. Deshalb gab es in jeder Stadt oder Ansiedlung mindestens ein Leprosorium, eine Leprastation, in der die von der Krankheit befallenen Menschen leben mussten.

Wenn in einem mittelalterlichen Dorf oder einer Stadt ein Mensch die Krankheitssymptome aufwies, wurde er sehr gründlich untersucht, meistens von ebenfalls Leprösen, denn einen Fehler durfte man nicht machen. Die Einweisung in ein Siechenhaus war unumkehrbar und veränderte die Lebensumstände des Betroffenen total. War jemand erkrankt, so wurde er in die Kirche geführt und dort wurde die Totenmesse für ihn gelesen. Anschließend führte man ihn auf den Friedhof, wo man ihn in eine eigens hergerichtete Grube stellte und mit drei Schaufeln Sand bewarf. Danach brachte man ihn in einer Prozession ins Siechenhaus. Mit dieser Handlung war er für die menschliche Gesellschaft tot. Die Familie durfte ihn nicht wieder sehen. Man fürchtete sich vor Ansteckung, aber auch vor dem schrecklichen Anblick, den an Lepra erkrankte Menschen boten. Der einzige Weg sich zu schützen, war, die Kranken auszusetzen.

Die Heessener Leprastation war ein typisches Leprosorium jener Zeit, an einer Hauptverkehrsstraße gelegen, entfernt von der Ansiedlung, an einem Wasserlauf. Die Lage an einer Hauptverkehrsstraße war wichtig, damit die Reisenden Spendengeld in den bereit stehenden Opferstock legen konnten, denn die Kranken waren auf Almosen angewiesen. Inwieweit es für die Heessener Leprosen eine Stiftung gab, ist nicht bekannt.

Der Bach, der am „Roten Läppchen“ vorbeiführte, ist inzwischen zugeschüttet. Er war für eine Leprastation wichtig, damit die Kranken sich abseits der Dorfes waschen konnten, auch gab es einen Brunnen für Trinkwasser. Der Name „Rotes Läppchen“ scheint  eine uralte Flurbezeichnung zu sein und deutet auf eine sumpfige Gegend hin. Wir kennen das Wort aus anderen Flurbezeichnungen wie zum Beispiel Lappenbrede. Rot bedeutet Moder oder Fäulnis und ist ebenfalls ein Sumpfwort. Es steckt zum Beispiel in der Flurbezeichnung Rothebach und Rottkamp und auch im englischen Wort „rotten“, verfault. Es ist für uns heute kaum noch nachvollziehbar, dass unsere Heimat noch vor 150 Jahren eine sehr sumpfige Gegend gewesen ist, allein auf Heessener Gebiet gab es über 70 Teiche.  

Die Kranken lebten in dem Siechenhaus ähnlich wie in einer klösterlichen Gemeinschaft. Das Leben war streng geregelt. Sie durften keinerlei Berührung und Annäherung mit Gesunden haben, mussten darauf selbst achten, ihnen nicht zu nahe zu kommen. Sie mussten die Nacht immer im Siechenhaus verbringen. Sexuelle Kontakte waren streng verboten. Wer gegen die Regeln verstieß, wurde aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Das bedeutete Betteln auf der Straße und elendes Leben außerhalb jeglicher Gemeinschaft. Dieses brutale Vorgehen der totalen Isolation der Kranken führte wohl letztlich zur Ausrottung der Seuche in Europa.

Ein Leprakranker musste vorgeschriebene Kleidung tragen, wenn er das Leprosenhaus verlassen wollte: Siechenmantel, Handschuhe, Stock und insbesondere die Klapper, drei lose verbundene Holzstücke, womit er beim Herannahen eines Gesunden warnend auf sich aufmerksam machen musste.

Die St. Annen- oder Melatenkapelle war vor 1514 bereits vorhanden. In diesem Jahr bestimmte Dietrich von der Recke, Herr zu Heessen, dass „in der Kapelle der Armen von den Melaten von der heiligen Sankt Anna“ jeden Dienstag auf seine Kosten eine Messe gelesen werden sollte. In den Wirren des 30jährigen Krieges verfiel die Kapelle und wurde zum Unterschlupf für Straßenräuber. 1670 wurde die Kapelle wieder instand gesetzt und 1728 vollständig im Stil der Renaissance als achteckiger Ziegelbau mit Dachreiter neu errichtet. Das neue Gebäude wurde auf den achteckigen mittelalterlichen Sockelbau aufgesetzt. Auf ein sehr hohes Alter der Kapelle lässt auch die Glocke schließen, die aus dem 13. Jahrhundert stammt und eine der ältesten Glocken im Hammer Stadtgebiet ist. Seit dem Laterankonzil von 1179 hatten die Leprakranken einen Anspruch auf ein eigenes Gotteshaus, weil sie aus der Angst vor Ansteckung begründet, nicht am Gottesdienst in der Pfarrkirche teilnehmen durften.

Wenn nun in naher Zukunft am „Roten Läppchen“ das neue Hospiz entsteht, so wird der Ort wieder seiner seit altersher bestehenden Bestimmung zugeführt, der Fürsorge und Versorgung von Kranken. Die Geschichten und Ereignisse rund um das Gasthaus Rotes Läppchen, die werden mit Sicherheit noch lange im Bewusstsein der Heessener und Hammer lebendig bleiben.