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Jenseits
des Baches wohnen auch Leute... Der Schnadegang - alter Wein in neue
Schläuche
Vor
30 Jahren wurde in Heessen bei Hamm ein alter Brauch neu belebt: Der
Schnadegang zu den Grenzen mit den Nachbarn in Walstedde, Drensteinfurt,
Herbern, Bockum-Hövel und Ahlen. Dieses bescheidene Jubiläum gibt uns
Gelegenheit zum Rückblick, was es damit auf sich hat und zu überlegen, ob
diese neue Tradition eine Zukunft hat. Das gesellschaftliche Umfeld Wir
leben im Zeitalter der Globalisierung. Die Volkswirtschaften öffnen sich zu
größeren Märkten; Ziel ist das "global village". Den wirtschaftlichen Grenzen
folgend verändern sich auch kulturelle, soziale und ökologische Standards.
Das zeigt uns ein weitreichender Wertewandel, der durch die Medienvielfalt
gefördert wurde. Noch brodelt es, aber die Zukunft gehört demjenigen, die
sich am globalen Markt behaupten kann. Als
Gegenbewegung zum Wegfall von Grenzen folgt eine Rückbesinnung auf das engere
Umfeld: Global denken und lokal handeln - so lautet die Devise, die beides
miteinander verknüpfen will. Dies wird mit dem neuen - Begriff der
Glokalisierung umschrieben. Und es ist wohl kein Zufall, dass die Neubelebung
des alten Brauches Schnadegang mit dem Zusammenschluss vieler Gemeinden bei
der kommunalen Neuordnung Mitte der 70er Jahre korrespondiert. Die Menschen
suchen Orientierung und Haltepunkte zur Identifikation, wenn die größeren
Gebilde unübersichtlich werden und anscheinend nicht mehr zu beeinflussen
sind. Grenzbegehung hat Tradition Die
Kenntnis der Grundstücksgrenzen zum Nachbarn ist den Menschen wichtig,
seitdem es Eigentum gibt. Zunächst waren es unveränderliche Merkmale in der
Natur wie Bäume, Findlinge, Bäche oder Bodendenkmäler, die als Begrenzung der
Felder angesehen wurden. Auf ihre Verletzung standen martialische Strafen.
Ein Grenzfrevler wurde bei lebendigem Leibe bis zum Hals eingegraben und dann
mit einer Pflugschar geköpft (s. Pier-Bohne, S.227). Eine flächendeckende Vermessung, das
Setzen von Grenzsteinen und verbindliche Ur-Kataster existieren in Westfalen
seit dem Beginn des 19.Jahrhunderts. Die Eintragungen im Grundbuch dienen
heute u.a. als Bemessungsgrundlage für die Grundsteuer, die den Kommunen
zufließt. Schnadegänge
gibt es seit dem 14.Jahrhundert. Die Schnat ist lt. DUDEN-Universal -
Wörterbuch die Grenze einer Flur (1983, S.1108). Heute existiert die
"Schnade" als Grenzbegehung in einer ganzen Reihe westfälischer Landschaften,
z.B. in Brilon, im Märkischen Sauerland und im Münsterland. Es liegen auch
Protokolle u.a. aus Arnsberg, Werne, Neheim, Geseke und Lohne vor. Früher
waren Schnadegänge notwendig, um die festgelegten natürlichen Grenzen von
Zeit zu Zeit zu überprüfen und evtl. Streitigkeiten über deren Verlauf zu
bereinigen. Außerdem hatten sie die wichtige Funktion, das Wissen um den
Grenzverlauf auf die heranwachsenden Jugendlichen zu übertragen. In Brilon
beispielsweise existieren sie seit dem Jahre 1388; an ihnen nehmen die
männliche Einwohnerschaft einschließlich der Jugendlichen teil. Die Frauen
kommen erst später nach Beendigung der 5 - 10 Stunden dauernden Märsche
hinzu, deren Länge zwischen 23 und 46 km variiert.
In
Legden - Asbeck (Kreis Borken) führen seit 1973 jeweils am 1.Mai eine
Reitergruppe des Heimat-vereins in historischen Kostümen und der Asbecker
Musikverein den Umzug mit Pauken und Trompeten an. Ein Schnadeprotokoll von 1762 beschreibt dieselbe Ordnung; nur die Obrigkeit war beritten; " Es war Pflicht der Grenzgänger, ihre heranwachsenden Kinder, insbesondere die Jungen, mitzunehmen. An markanten
Begren-zungspunkten versohlten sie den Kindern das Gesäß, gaben ihnen
"Backpfeifen" oder stießen sie unsanft gegen den Begrenzungspunkt, um ihnen
den Grenzverlauf nachhaltig "einzubleuen" (Pier-Bohne, S.227).
An
diese Sitte erinnert noch heute das sog. "Stutz-Äsen", d.h. ein Stoßen der
Verantwortlichen auf den Stein mit dem Allerwertesten, damit sie sich den
Standort des Grenzverlaufs besser merken. Es ist sicher kein Zufall, dass die Schnadegänge von Heessen ausgehend zu den Nachbarn am 31.12.1974 - dem Vorabend des Zusammen-schlusses der bis dahin selbständigen Stadt Heessen mit der Stadt Hamm - initiiert worden sind. Der Schnadestein am Schloss Oberwerries (an der B61/Schlossallee) ist somit ein Dokument der stolzen Heessener, die diese kommunale Neuordnung nur mit Grummeln im Bauch, aber keineswegs aus Überzeugung, ohne den Gang zum Gericht (wie die Nachbarstadt Bockum-Hövel) akzeptierten. Der damalige Stadtdirektor Hans-Hermann Buchhorn gab dazu mit Wappen, Brief und Siegel der Stadt eine Urkunde zur "Doipe op'm Schnadestain" heraus, die seine Unterschrift trägt. Gern übernahm der Heimatverein Heessen diese Idee, um die gemein-same Grenze zu Walstedde, Bockum-Hövel, Drensteinfurt und Ahlen jährlich zu über-prüfen und mit entsprechenden Grenzsteinen zu sichern. Nach nunmehr dreißigjähriger Übung beginnt sich eine Tradition herauszubilden, die auf das Interesse der Nachbar-gemeinden stößt, die sich gern im Wechsel an diesem neuen Brauch beteiligen. So
nahmen im Jahre 2003 neben dem Ahlener Bürgermeister Benedikt Ruhmöller und
dem Hammer Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann auch Vertreter von
Drensteinfurt und Walstedde am Schnadegang teil.
Der
gemeinsame Abschluss einte alle Teilnehmer auf Mittrops Hof in Ahlen. So
bleibt die Frage, welche Funktion solche Grenzbegehungen künftig haben
können. Im
21.Jahrhundert mit modernen Vermessungsmethoden haben Schnadegänge keine
feststellende oder korrigierende Aufgabe für die Grenzziehung mehr. Vielmehr
bringen sie kommunikative und soziale Gelegenheiten zur Begegnung zwischen
räumlichen Nachbarn ohne äußeren Anlass, aber manchmal mit gravierender
Konsequenz. Denn nicht nur die Heimatfreunde und sonst interessierten
Bürgerinnen und Bürgern beteiligen sich an ihnen; Neben
dem ausrichtenden Verein sind auch kommunale Mandatsträger wie Bürgermeister,
Landräte, Ratsmitglieder und Dezernenten beteiligt. Ganz unverbindlich, d.h.
ohne Tagesordnung oder Protokoll kann man leichthin gemeinsam
interessierende Themen ansprechen, um
so die Einstellung des Nachbarn zu erkunden.
Da hat man beispielsweise
schon länger überlegt, ob zwei Ämter in der Region erforderlich sind; die Energieversorgung und der Nahverkehr
bereiten grenzüber- schreitende Kopfschmerzen.
Oder es ist beispielweise die Müllabfuhr im Grenzbereich unbefriedigend, weil
wöchentlich nur ein paar Häuser durch
zwei verschiedene Spezialfahrzeuge mit je drei Mann Besatzung angefahren
werden. Eine kurze Überlegung und die Verwaltungsspitzen finden eine
wirtschaftliche Lösung. Die Vorstandsmitglieder
der Vereine haben Gelegenheit zur Darstellung ihrer Vereins-arbeit und zum
Austausch mit Gleichgesinnten: gemeinsame Ausflüge, der Austausch von
Ausstellungsgut (z.B. Mineralien) oder von Referenten sind manchmal
Ergebnisse gemeinsamen Wanderns. Das Setzen eines Grenzsteines, Pflanzen von
Bäumen und Anbringen von Bänken sind willkommene Anlässe zur Pflege
nachbarschaftlicher Beziehungen. Aber natürlich kommt das
Gesellige nicht zu kurz. Beim Abschluss mit leiblichen Genüssen, Liedern und
Tänzen finden "leichtfüßige" Westfalen manchmal auch eine Gelegenheit dazu,
endlich zum vertraulichen Du mit dem Nachbarn überzugehen. So entsteht in der
globalisierten Welt ein kleines Netzwerk, das die Probleme von
Nachbar-gemeinden leichter lösen lässt. www.badsassendorf-anline.de Verfasser: Axel Droste, Lohne www.sgv-arnberg.de Arnsberg 05.06.02 Schnadegang in Brilon von Jörg Schnadt 16.05.1998 Maria Pier-Bohne, Der Schnadegang zu Asbecker Geschichte
der Schnadegänge. In: Westmünsterland, Jahrbuch des Kreises Borken 1998,
S.227-230 Hermine von Hagen und Hans-Joachim Beler, Bilderbogen der
westfälischen Bauerngeschichte, Bd. I u.II, Münster-Bonn 1986 f. Heimatverein Werne (Hrsg.), Schnadegang des Heimatvereins
Werne, Werne 1999 Fotos: Reinhard Leyer |