Jenseits des Baches wohnen auch Leute...

Der Schnadegang - alter Wein in neue Schläuche  

Professor Dr. Dr. Wolfgang Gernert,  Münster

 

Vor 30 Jahren wurde in Heessen bei Hamm ein alter Brauch neu belebt:

Der Schnadegang zu den Grenzen mit den Nachbarn in Walstedde, Drensteinfurt, Herbern, Bockum-Hövel und Ahlen. Dieses bescheidene Jubiläum gibt uns Gelegenheit zum Rückblick, was es damit auf sich hat und zu überlegen, ob diese neue Tradition eine Zukunft hat.

 

Das gesellschaftliche Umfeld

 

Wir leben im Zeitalter der Globalisierung. Die Volkswirtschaften öffnen sich zu größeren Märkten; Ziel ist das "global village". Den wirtschaftlichen Grenzen folgend verändern sich auch kulturelle, soziale und ökologische Standards. Das zeigt uns ein weitreichender Wertewandel, der durch die Medienvielfalt gefördert wurde. Noch brodelt es, aber die Zukunft gehört demjenigen, die sich am globalen Markt behaupten kann.

 

Als Gegenbewegung zum Wegfall von Grenzen folgt eine Rückbesinnung auf das engere Umfeld: Global denken und lokal handeln - so lautet die Devise, die beides miteinander verknüpfen will. Dies wird mit dem neuen - Begriff der Glokalisierung umschrieben. Und es ist wohl kein Zufall, dass die Neubelebung des alten Brauches Schnadegang mit dem Zusammenschluss vieler Gemeinden bei der kommunalen Neuordnung Mitte der 70er Jahre korrespondiert. Die Menschen suchen Orientierung und Haltepunkte zur Identifikation, wenn die größeren Gebilde unübersichtlich werden und anscheinend nicht mehr zu beeinflussen sind.

 

Grenzbegehung hat Tradition

 

Die Kenntnis der Grundstücksgrenzen zum Nachbarn ist den Menschen wichtig, seitdem es Eigentum gibt. Zunächst waren es unveränderliche Merkmale in der Natur wie Bäume, Findlinge, Bäche oder Bodendenkmäler, die als Begrenzung der Felder angesehen wurden. Auf ihre Verletzung standen martialische Strafen. Ein Grenzfrevler wurde bei lebendigem Leibe bis zum Hals eingegraben und dann mit einer Pflugschar geköpft (s. Pier-Bohne, S.227).  Eine flächendeckende Vermessung, das Setzen von Grenzsteinen und verbindliche Ur-Kataster existieren in Westfalen seit dem Beginn des 19.Jahrhunderts. Die Eintragungen im Grundbuch dienen heute u.a. als Bemessungsgrundlage für die Grundsteuer, die den Kommunen zufließt.

 

Schnadegänge gibt es seit dem 14.Jahrhundert. Die Schnat ist lt. DUDEN-Universal - Wörterbuch die Grenze einer Flur (1983, S.1108). Heute existiert die "Schnade" als Grenzbegehung in einer ganzen Reihe westfälischer Landschaften, z.B. in Brilon, im Märkischen Sauerland und im Münsterland. Es liegen auch Protokolle u.a. aus Arnsberg, Werne, Neheim, Geseke und Lohne vor.

Früher waren Schnadegänge notwendig, um die festgelegten natürlichen Grenzen von Zeit zu Zeit zu überprüfen und evtl. Streitigkeiten über deren Verlauf zu bereinigen. Außerdem hatten sie die wichtige Funktion, das Wissen um den Grenzverlauf auf die heranwachsenden Jugendlichen zu übertragen. In Brilon beispielsweise existieren sie seit dem Jahre 1388; an ihnen nehmen die männliche Einwohnerschaft einschließlich der Jugendlichen teil. Die Frauen kommen erst später nach Beendigung der 5 - 10 Stunden dauernden Märsche hinzu, deren Länge zwischen 23 und 46 km variiert.

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In Legden - Asbeck (Kreis Borken) führen seit 1973 jeweils am 1.Mai eine Reitergruppe des Heimat-vereins in historischen Kostümen und der Asbecker Musikverein den Umzug mit Pauken und Trompeten an.

Ein Schnadeprotokoll von 1762 beschreibt dieselbe Ordnung; nur die Obrigkeit war beritten;

" Es war Pflicht der Grenzgänger, ihre heranwachsenden Kinder, insbesondere die Jungen,

mitzunehmen. An markanten Begren-zungspunkten versohlten sie den Kindern das Gesäß, gaben ihnen "Backpfeifen" oder stießen sie unsanft gegen den Begrenzungspunkt, um ihnen den Grenzverlauf nachhaltig "einzubleuen"

(Pier-Bohne, S.227).

 

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An diese Sitte erinnert noch heute das sog. "Stutz-Äsen", d.h. ein Stoßen der Verantwortlichen auf den Stein mit dem Allerwertesten, damit sie sich den Standort des Grenzverlaufs besser merken.

 

 

 

Es ist sicher kein Zufall, dass die Schnadegänge von Heessen ausgehend zu den Nachbarn am 31.12.1974  -  dem Vorabend des Zusammen-schlusses der bis dahin selbständigen Stadt Heessen mit der Stadt Hamm - initiiert  worden sind. Der Schnadestein am Schloss Oberwerries (an der B61/Schlossallee) ist somit ein Dokument der stolzen Heessener, die diese kommunale Neuordnung nur mit Grummeln im Bauch, aber keineswegs aus Überzeugung, ohne den Gang zum Gericht (wie die Nachbarstadt Bockum-Hövel) akzeptierten. Der damalige Stadtdirektor Hans-Hermann Buchhorn gab dazu mit Wappen, Brief und Siegel der Stadt eine Urkunde zur  "Doipe op'm Schnadestain" heraus, die seine Unterschrift trägt. Gern übernahm der Heimatverein Heessen diese Idee, um die gemein-same Grenze zu Walstedde, Bockum-Hövel, Drensteinfurt und Ahlen jährlich zu über-prüfen und mit entsprechenden Grenzsteinen zu sichern.  Nach nunmehr dreißigjähriger Übung beginnt sich eine Tradition herauszubilden, die auf das Interesse der Nachbar-gemeinden stößt, die sich gern im Wechsel an diesem  neuen Brauch beteiligen.

 

So nahmen im Jahre 2003 neben dem Ahlener Bürgermeister Benedikt Ruhmöller und dem Hammer Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann auch Vertreter von Drensteinfurt und Walstedde am Schnadegang teil.

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Textfeld: Schnadegang 2003 in Hamm - Heessen - Enniger - 
Ahlen - Dolberg - Gemmerich

 

 

Der gemeinsame Abschluss einte alle Teilnehmer auf Mittrops Hof in Ahlen.

So bleibt die Frage, welche Funktion solche Grenzbegehungen künftig haben können.

 

Im 21.Jahrhundert mit modernen Vermessungsmethoden haben Schnadegänge keine feststellende oder korrigierende Aufgabe für die Grenzziehung mehr. Vielmehr bringen sie kommunikative und soziale Gelegenheiten zur Begegnung zwischen räumlichen Nachbarn ohne äußeren Anlass, aber manchmal mit gravierender Konsequenz. Denn nicht nur die Heimatfreunde und sonst interessierten Bürgerinnen und Bürgern beteiligen sich an ihnen;

Neben dem ausrichtenden Verein sind auch kommunale Mandatsträger wie Bürgermeister, Landräte, Ratsmitglieder und Dezernenten beteiligt. Ganz unverbindlich, d.h. ohne Tagesordnung oder Protokoll kann man leichthin gemeinsam interessierende  Themen ansprechen, um so die Einstellung des Nachbarn zu erkunden.

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Textfeld: Schnadegang 2003 in Hamm - Heessen - Enniger -
Ahlen - Dolberg - Gemmerich

 

 

Da hat man beispielsweise schon länger überlegt, ob zwei Ämter in der Region  erforderlich sind; die Energieversorgung und der Nahverkehr bereiten grenzüber-

schreitende Kopfschmerzen. Oder es ist beispielweise die Müllabfuhr im Grenzbereich unbefriedigend, weil wöchentlich  nur ein paar Häuser durch zwei verschiedene Spezialfahrzeuge mit je drei Mann Besatzung angefahren werden. Eine kurze Überlegung und die Verwaltungsspitzen finden eine wirtschaftliche Lösung.

Die Vorstandsmitglieder der Vereine haben Gelegenheit zur Darstellung ihrer Vereins-arbeit und zum Austausch mit Gleichgesinnten: gemeinsame Ausflüge, der Austausch von Ausstellungsgut (z.B. Mineralien) oder von Referenten sind manchmal Ergebnisse gemeinsamen Wanderns. Das Setzen eines Grenzsteines, Pflanzen von Bäumen und Anbringen von Bänken sind willkommene Anlässe zur Pflege nachbarschaftlicher Beziehungen.

Aber natürlich kommt das Gesellige nicht zu kurz. Beim Abschluss mit leiblichen Genüssen, Liedern und Tänzen finden "leichtfüßige" Westfalen manchmal auch eine Gelegenheit dazu, endlich zum vertraulichen Du mit dem Nachbarn überzugehen. So entsteht in der globalisierten Welt ein kleines Netzwerk, das die Probleme von Nachbar-gemeinden leichter lösen lässt.

 

  Quellen und Literatur  

www.badsassendorf-anline.de  Verfasser: Axel Droste, Lohne

www.sgv-arnberg.de  Arnsberg 05.06.02

 

Schnadegang in Brilon von Jörg Schnadt 16.05.1998

 

Maria Pier-Bohne, Der Schnadegang zu Asbecker Geschichte der Schnadegänge.

In: Westmünsterland, Jahrbuch des Kreises Borken 1998, S.227-230

 

Hermine von Hagen und Hans-Joachim Beler, Bilderbogen der westfälischen Bauerngeschichte,

Bd. I u.II, Münster-Bonn 1986 f.

 

Heimatverein Werne (Hrsg.), Schnadegang des Heimatvereins Werne, Werne 1999

 

Fotos: Reinhard Leyer